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Themenstellung und Zielsetzung der Veranstaltung

 

Prämissen

Musik und Liebe verbindet ein enges Verhältnis. Die Geschichte der weltlichen Musik des Abendlandes beginnt mit Liebesliedern, und bis heute ist die Liebe das zentrale Thema der Musik geblieben: in ihren Texten, aber auch in ihren Kontexten. Was macht Musik und Liebe zu einem so bedeutenden Paar, dass sie seit den ersten notierten Stücken weltlicher Musik eine derart zentrale Rolle in der Geschichte und in den Kulturen der europäischen Gesellschaften bis in die Gegenwart hinein spielen? Welche Rolle nimmt die Musik in der Geschichte der Liebe ein, und welche Rückwirkung hatte diese auf die Musik?

Die Grundannahme des Kongresses geht davon aus, dass Musik und Liebe Systeme kommunikativer Codes sind, die sich in ihren sozialen Funktionen und Wirkungen ergänzen und dabei historischen Veränderungen unterworfen sind. Ziel ist es, die Bedingungen und Entwicklungen der Beziehung von Musik und Liebe im historisch begrenzten Zeitraum der Frühen Neuzeit zu untersuchen, der für die Geschichte dieser Beziehung zentral ist, um dadurch das Thema in der Sozial– und Diskursgeschichte der Musik zu verankern. Gleichzeitig soll auf die Bedeutung der Musik für die Propagierung gesellschaftlicher Ideen wie der Liebe hingewiesen werden.

Als Ausgangspunkt für das Nachdenken über die gemeinsamen Funktionen von Musik und Liebe in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit kann Norbert Elias´ These vom „Prozeβ der Zivilisation“ dienen. Die Kontrolle der Triebe – vor allem von Wut und sexueller Lust – führte demnach seit dem Hochmittelalter dazu, dass Emotionen zunehmend ritualisiert, reflektiert und damit zivilisiert wurden. Der unmittelbar ausgelebte Eros wurde zu Amor sublimiert, zu hochkomplexen Riten oder auch Spielen der Liebe. Die körperliche Erfüllung blieb ein Ziel, das jedoch zunehmend an Bedeutung für den Diskurs verlor bzw. unwahrscheinlich wurde. Indem die Körperlichkeit in den Hintergrund rückte, gewann der sich entwickelnde Diskurs der Liebe neue, zusätzliche Funktionen: die Ausbildung einer identitätsstiftenden Kultur, das Buhlen um Aufmerksamkeit und Macht. Wenn ein feudaler Lehnsherr höfische Liebeslyrik von jungen Männern oder Frauen vortragen lieβ oder aber selbst die Stimme erhob, war dies selten Liebeswerbung und meist nicht nur eine angenehme Art des Zeitvertreibs, sondern auch der Versuch, über den Rekurs auf fiktive Utopien den eigenen gesellschaftlichen Status zu sichern. Mit der Frühen Neuzeit begann eine zunehmende Fiktionalisierung der Liebesdiskurse. Liebeslieder wurden zu musikalisch komplexen, komponierten Chansons. Sie lieferten die Musik zu Inszenierungen von Liebe in der Öffentlichkeit, bei Höfischen Festen und auf den Bühnen der Theater. Der Prozess der Zivilisation erreichte eine neue Stufe: der öffentlichen Selbstreflektion der Gesellschaft, die mithilfe ihrer musikalischen Kultur ihr Verständnis von Emotionen und besonders von Liebe diskutierte.

Musik und Liebe hatten als eng miteinander verknüpfte kulturelle Diskurse entscheidenden Anteil an dem „Prozeβ der Zivilisation“. Die Auseinandersetzung mit ihrem Verhältnis ist daher von zentraler Bedeutung für eine Sozial– und Diskursgeschichte der Musik, die unter dieser Perspektive weiter zu schreiben, Ziel des Kongresses ist. Dabei geht es auch um die Frage, wie die Geschichte der Musik, dieser emotionalsten aller Künste, im Kontext einer Geschichte der Emotionen zu schreiben ist.

 

Ausgangspunkt: Paradigmenwechsel um 1500

In der Geschichte der Beziehung von Musik und Liebe setzte im Verlauf des 15. Jahrhunderts, zu Beginn der frühen Neuzeit, ein Paradigmenwechsel ein. Vorstellungen von höfischer Liebe und damit verbundene kulturelle Praktiken wurden nach und nach von einer urbanen Gesellschaft aufgegriffen und neuen sozialen Kontexten angepasst. Der Liebesdiskurs wurde vielstimmig und kontrovers und mit ihm die Diskussion um das Liebeslied.

Verschiedene Innovationen wirkten hier zusammen: Um 1500 wurden Liebesdiskurse von aufstrebenden sozialen Gruppen als ein Medium entdeckt, mit dem man tugendhaftes Verhalten üben und demonstrieren und somit in der gesellschaftlichen Elite reüssieren konnte. Der ursprünglich philosophische Diskurs um die platonische Liebe und ihre Beziehung zur Musik, der bis zum Ende des 15. Jahrhunderts vor allem auf der Grundlage der Übersetzung und Interpretation des Philosophen, Mediziners und Musikers Marsilio Ficino geschlossenen humanistischen Kreisen und Gesprächen unter Männern vorbehalten war, öffnete sich neuen gesellschaftlichen Eliten und veränderte sein Profil. Mit der Rezeption von Ficinos Platon–Interpretation war zudem eine Legitimation gegeben, das Wirkungspotential von Musik in der Spanne von Nobilitierung und Erniedrigung, Befriedung und Erregung als dem der Liebe ähnlich anzusehen. Die vergleichbaren Effekte von Liebe und Musik auf Körper, Geist und Seele konnten nun im Rahmen gesellschaftlicher Kanonisierungen weiterverarbeitet und moralisch bewertet werden.

Das späte 15., das 16. und das frühe 17. Jahrhundert und der allmähliche Übergang von einer feudalen zu einer absolutistischen Gesellschaft mit zunehmend urbanen und bürgerlichen Strömungen ist die Hochzeit des Liebesliedes, das sich sowohl als kunstvoll stilisierte musikalische Form als auch als populäres Medium in den verschiedenen nationalen Diskursen manifestiert. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts war die Chanson vor allem textlich aber auch musikalisch formal erstarrt. Es kam zu einem Stillstand in Depression und Nihilismus, z.B. in den Chansonniers der Margarete von Österreich und zeitgleich am Hof des englischen Königs Heinrich VII., um dann gegen 1500 in einer Vielfalt nationaler und regionaler Formen sowie diverser Stile und Inhalte förmlich mit neuem Leben zu explodieren. Es wurde am Hof, im Haus des gebildeten Bürgers und im Bordell gespielt, und bekam in jedem neuen Kontext neue Bedeutungen und neue Funktionen zugeschrieben. Durch seine soziale Mobilität wuchsen die Widersprüche. Das Lied provozierte. Seine neuen, einfachen Formen wurden am Hof als bäurisch rezipiert, als Ausdruck der Sehnsucht nach einer einfachen Lebens– und Liebesart. Im Bürgertum dagegen bekam es mit der Konnotation des Höfischen mitunter den Beigeschmack des moralisch Verkommenen. Das Liebeslied wurde zum Gegenstand und zum Medium sozialer Auseinandersetzungen.

Vor allem das 16. Jahrhundert ist zugleich die Epoche intensiver Diskussion um die ethische und emotionale Wirkung von Musik unter dem Eindruck der Lektüre antiker Autoren: Modellbildend für eine Flut an Liebes– und Tugendtraktaten, die sich ausgehend von Italien im 16. Jahrhundert in Europa verbreiteten, waren Pietro Bembos Traktat „Gli Asolani“ (1505), mit denen die Gespräche um die platonische Liebe hoftauglich gemacht wurden und eine bis dato unerreichte Popularität erreichten. Musik spielte in diesem Traktat eine zentrale Rolle. Abgesehen von Baldessare Castigliones „Libro del Cortigiano“ (geschrieben ab 1508; gedruckt 1528) ist diese Art von Literatur durch die Musikwissenschaft bisher noch kaum erschlossen.

Die umwälzenden Innovationen im Druck und Musikdruck waren die Grundlage für die neue Popularität des Liebesdiskurses um 1500. Seit der Innovation des Musikdrucks durch Ottaviano Petrucci 1501 begannen moderne Medien auch durch Musik ein anonymes Publikum zu bedienen. Seit den ersten Drucken mit Chansons, Frottolen und Villanellen hatte das Liebeslied entscheidenden Anteil am Geschäft mit der neuen Ware Musik. Das Funktionieren der Kommunikation zwischen Publikum und Produzent von Noten wurde zu einem unternehmerischen Risiko, das sich offenbar durch das Thema Liebe vermindern lieβ. Parallel zu den populärphilosophischen und –poetischen Diskursen, die sich in den Bewegungen des Petrarkismus und der nationalen Sprachreformen ausgehend von Italien im 16. Jahrhundert verbreiteten, versprachen Liebeslieder durch ihre höfische Assoziation Distinktionsgewinne für das aufstrebende Bürgertum. Sie riefen dabei auch humanistische und religiöse Tugendwächter auf den Plan. Das Credo des Musikmarktes, die Erzeugung von Aufmerksamkeit durch Polarisation und Provokation, nahm hier seinen Ausgang. In diesem Sinn markieren musikalische Gattungen wie die italienische Frottola und die Pariser Chanson mit ihrer kaum verschleierten Erotik den Anfang einer neuen Zeit, in der sich Musik auf dem Markt behaupten muss.

 

Zum Vorgehen

Die Vorstellung einer Gesellschaft von der Liebe wirkt sich auf die Musik aus, und zwar nicht nur auf ihre Texte, sondern auch auf ihre Aufführungskontexte und damit schlieβlich auch auf die musikalische Form. Liebeslieder im weitesten Sinne wirken aber auch auf die Gesellschaft zurück, indem sie Stellung beziehen zu Konzepten von Liebe und diese Ideen propagieren. Um ein Liebeslied in seiner historischen Bedeutung verstehen zu können, reicht es demnach nicht, auf Musik und Text zu schauen. Es muss innerhalb der zeitgenössischen Diskurse um die Liebe und die Musik untersucht werden, eingebettet in seinen sozialen und geistesgeschichtlichen Kontext. So manche Kultur von Liebesliedern wird bis heute in ihrer historischen Bedeutung unterschätzt, weil die Stücke aus der Perspektive einer Kunstästhetik, die viele ältere Musik– und Literaturgeschichten beherrscht, wenig originell und schlicht erscheinen – obwohl sie, wie z.B. die italienische Frottola am Anfang des 16. Jahrhunderts, Teil ganz zentraler sozialer und kultureller Diskurse waren.

Die Diskurse von Musik und Liebe waren in der Frühen Neuzeit Teil zentraler gesellschaftlicher Prozesse. Sie betrafen so unterschiedliche Bereiche wie Erziehung und internationale Diplomatie, privates und öffentliches Musizieren und wurden von anderen Künsten reflektiert und reproduziert. Ein entsprechend breit und interdisziplinär angelegter Zugang ist daher für eine Aufarbeitung des Themas unbedingt notwendig: Kulturwissenschaftler und Historiker setzen sich mit dem sozialen Kontext des Liebeslieds auseinander, Literaturwissenschaftler beschreiben die Veränderungen der Liebesliteraturen der Epoche, Kunsthistoriker erläutern die Metaphorik von Musik und Liebe in der bildenden Kunst, Philosophen die geistesgeschichtlichen Grundlagen, Musikwissenschaftler untersuchen die Rückwirkungen der Liebesdiskurse auf die Musik und ihre Genres bis hin in die jeweiligen Satztechniken. Genderaspekte spielen für das Thema dabei insofern eine Rolle, als das Verhältnis von Musik und Liebe wichtige Ansätze zu einer Geschichte der durch Musik und musikalische Kontexte ausgehandelten Geschlechterverhältnisse spielt. Sie integrieren sich in einen sozial– und kulturgeschichtlichen Ansatz, der davon ausgeht, dass die Geschichte von Musik und Liebe zu den Grundlagen der abendländischen, westlichen Gesellschaft gehört und damit auch Geschlechtsdifferenzen geprägt hat.

Der Kongress konzentriert sich auf die zentrale Zeit des Liedes als Kunstform in der musikwissenschaftlichen Epoche der Renaissance und endet mit dem Übergang zur Oper, mit der eine neue, eigene Stufe der Fiktionalisierung von Liebe und ihrer musikalischen Darstellung einsetzt. Der Kongress versteht sich auch als dringend notwendige Weiterführung der wissenschaftlichen Diskussion um die Liebesdiskurse, die bisher fast ausschlieβlich auf das Mittelalter beschränkt untersucht wurden.